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Angelika Maisch.

Frisöre und der Vatertag

Harfe, Klavier, Familie und das Forum - "das ist im wesentlichen mein Leben", sagt Angelika Maisch. Das "Forum" findet sich unter www.alles-bonanza.net. "Das ist kein billiger Chat", erklärt Maisch, "sondern wahrscheinlich das anspruchsvollste und erfolgreichste literarische Forum in deutscher Sprache." Journalisten, Filmemacher, Schriftsteller wie Hermes Phettberg und andere, deren Namen Angelika Maisch nicht preis geben will, schreiben Beiträge, inzwischen sind es mehr als 110.000. 60 Unter-Foren enthält die Webseite. Moderiert werden die Foren von Anko Ankowitsch oder Tex Rubinowitz, dessen Texte man aus der Titanic, der Zeit oder dem Falter kennt.

Seit eineinhalb Jahren erst ist die Karlsruherin online, und zuvor spielte sich ihr Leben ganz anders ab. Nach der Realschule studierte die heute 44-Jährige nämlich erst einmal Orchestermusik. "Damals ging das noch", erinnert sie sich, "ich bestand eine Zusatzprüfung." Mit klassischer Musik verdient Maisch heute noch ihr Geld - sie unterrichtet Privatschüler in Harfe und Klavier. "Manchmal spiele ich selbst auf Vernissagen", so Maisch und denkt über ihre musikalische Karriere nach: "Ich hätte mich auch auf ‚Gruftmucke‘ spezialisieren und auf Beerdigungen spielen können."

Ende der 70er Jahre hatte Maisch in Karlsruhe einen jungen Mann kennen gelernt, der es satt hatte, auf der Straße Schmuck zu verkaufen, auch wenn er der erste war, der dies tat. Deshalb eröffnete er - zunächst in seinem Wohnzimmer in Berlin - ein Schallplattengeschäft. "Er verkaufte, was aktuell aus England und Jamaica kam, vor allem Punk und Reggae." Aus dem erfolgreichen Plattenladen wurde eine Plattenfirma: "Wir nannten sie ‚Der Zensor‘, weil wir nur das veröffentlichten, was uns gefiel", erzählt Angelika Maisch. Neben Punk verehrte die Musikerin damals Erik Satie. "Ich wollte ihn völlig neu interpretieren", sagt sie, "vor allem seine Texte in die Aufnahme integrieren, die damals tabu und noch nie auf Platte erschienen waren." Zwar fürchtete Maisch, die Aufnahme würde ein Flop werden, doch sie erregte Aufsehen und löste vielleicht die Erik-Satie-Welle mit aus. Für Angelika Maisch folgten zahlreiche Engagements, doch nahm sie keine weiteren Satie-Stücke auf, "ich wollte mich nicht an die Welle hängen."

Über den "Zensor" machte sie die wahrscheinlich wichtigste Begegnung ihres Lebens: "Ich lernte Max Goldt kennen, der beim ‚Zensor‘ eine seiner ersten Platten machte", erinnert sich Maisch, die 1989 Goldts erste Karlsruher Lesung im Café Palaver organisierte. Über Max Goldt lernte sie Tex Rubinowitz kennen. Die beiden luden sie mehrfach ein, für die legendäre Literaturzeitschrift "Der Rabe" des Haffmanns-Verlages Beiträge zu schreiben, nachdem schon in "kryptischen Kunstmagazinen, die keiner kennt", Glossen und Feuilletons von Maisch erschienen waren. Heute schreibt sie unter anderem für die Berliner Zeitung Feuilletons für die Rubrik "Unterm Strich", zum Beispiel Geschichten über Frisöre und den Vatertag.

Haffmanns ist kürzlich Pleite gegangen, "Der Rabe" erschien mit der Nr. 62 zum letzten Mal als "Hasenfuß-Rabe", herausgegeben von Angelika Maisch. Was bleibt, sind die Foren. Im bekanntesten Forum "Wir höflichen Paparazzi" werden zufällige Begegnungen mit Prominenten erzählt. "Ich, zum Beispiel, habe mal zufällig Nina Hagen getroffen", sagt Angelika Maisch, andere den Bundeskanzler oder Mick Jagger. Ein Autor in www.höfliche-paparazzi.de schildert äußerst komisch seine Begegnung mit den Stones, die er in einem Preisausschreiben gewonnen hatte.

Manche der Foren sind inzwischen Kult. Im Theater Berlin waren bereits drei Lesungen mit Texten aus dem Paparazzi-Forum, im Schauspielhaus Zürich werden am 16. März Kostproben gelesen, und irgendwann werden die besten Texte, Geschichten, Antworten und Kommentare aus dem Forum als Buch erscheinen. -Matthias Kehle

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