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  Donnerstag, 17.05.2012       Besucht: 17:38:56
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Partnerschaft - Jumelage

Karlsruhe und Nancy feiern. 50 Jahre Städtepartnerschaft verbindet beide Städte. Vor allem Vereine, Institutionen oder Berufsgruppen organisieren Begegnungen. Schüler- und Praktikantenaustausch sind selbstverständlich geworden. Gelegentlich lahmen die Beziehungen, schrumpft das Interesse und manche Verständigungsoffensive geht nach hinten los: Vorurteile bestätigt. Und die Zukunft? Im Jubiläumsjahr und angesichts der ungeheuren Leistung, insbesondere der Begründer der Partnerschaft, ist das kein Thema. Klappe auf hat Karlsruher nach ihren Eindrücken von Nancy und der eigenen Stadt und Franzosen nach ihrem Karlsruhe-Bild gefragt: eine Momentaufnahme.

„Zu Nancy fällt mir zuerst ein Künstler ein: Jacques Bellange, der ja auch in der Kunsthalle gezeigt wird. Er hat am Hof gearbeitet und nicht nur Kunst produziert. Bellange hat auch höfische Feste gestaltet und dafür Kostüme entworfen. Seine Radierungen zeigen oft religiöse Motive. Jesus erscheint sehr charismatisch, nicht so sehr als Heiland, sondern mit einem sexy Po auf den Frauen eher abfahren als auf seine Geschichte. Die Bilder zeigen seltsame Verwachsungen der Körper mit den Kleidern. Was Bellange macht ist jetzt ungefähr 400 Jahre her, ziemlich schräg, immer noch interessant.“
Elmar Zimmermann, Künstler, Mitgründer Poly Galerie, Karlsruhe.

„Ich hab’ schon in Karlsruhe gespielt. Aber ehrlich, ich müsste mir Fotos angucken, um mich an die Stadt zu erinnern. Ich komme so viel rum. Nancy ist wichtig für mich. Mit 18 habe ich dort meine erste Platte gemacht. Die Stadt liegt gut. Nahe an den Grenzen nach Luxemburg, Deutschland und Belgien. Nancy gilt als aktive Stadt. Lebendige Musik von heute findet hier aber nur schwer ihren Platz. Ich komme aus Toulon. In Ostfrankreich gibt es so eine Mischung aus Überschwang und Unabhängigkeit auf der einen und Strenge und Respekt auf der anderen Seite. Anfangs habe ich das als Mangel empfunden. Heute genieße ich das.“
Pierre-Alain Goualch, Musiker und Komponist.

„Der Bahnhof in Nancy ist wie das Fegefeuer. Man ist froh, wenn man raus und in der Altstadt ist. Die Place Stanislas ist natürlich etwas ganz besonderes, außerdem die phantastische Entwicklung des Glases mit Gallé, Daum und bis heute Baccarat. Nancy ist keine Metropole. Aber wie in Karlsruhe gibt es eine liebenswerte Situation, die von Beengtheit durchbrochen wird. Doch mit Grandville und Callot hat Nancy einen unverrückbaren Platz auf der Weltkarte der Kunst.“
Prof. Dr. Klaus Schrenk, Direktor Staatliche Kunsthalle.

„Rihms `Jakob Lenz´ ist ein wunderbares Werk. In Straßburg habe ich ihn auf die Bühne gebracht und in Nancy. Straßburg war, glaube ich, die erste Aufführung in Frankreich überhaupt. Ich fühle mich in Karlsruhe wohl, weil es wirkliche künstlerische Bande gibt. Nehmen sie Wolfgang Rihm, Heiner Goebbels, der an der Musikhochschule war oder Manfred Reichert. Wenn ich früher von Straßburg nach Nancy fuhr, war Nancy für mich die erste französische Stadt. Allein die kulinarische Grenze. Von Polen bis Deutschland und in Straßburg stehen Senf und Meerrettich auf dem Tisch. In Nancy ist damit Schluss. Stattdessen kommt ständig frischer Meeresfisch an. Gehen sie mal in die Markthallen. Aber das ist nur eine Sache. Nancy ist ungeheuer lebendig.“
Laurent Spielmann, Generaldirektor der Opéra de Nancy et Lorraine.

„Ach, schon dieses Jahr? Ich dachte erst 2006 würden die 50 Jahre gefeiert. Ich war ja noch nie in Karlsruhe. Ich muss wirklich mal hinfahren. Mal sehen, mein Schuldeutsch... Karls-Ruhe, das ist calme, also Ruhe, Karl, Charlemagne. Dann hatte Karl der Große sicher eine Residenz in Karlsruhe, vielleicht ein Sommer-Palais?“
Gut aufgelegter Buchhändler aus Nancy, der incognito bleiben möchte.

„Nach acht Jahren Berlin fühle ich mich in Karlsruhe schon ein bisschen wie in Frankreich. Die Leute sind offener als in Berlin. Die Psychologie spielt auch eine Rolle: Frankreich ist hier näher. In Nancy war ich noch nicht. Es gibt extreme Unterschiede zwischen Deutschen und Franzosen. Das übersieht man leicht. Man merkt es anfangs nicht. Ich mag’ die direkte offene Art hier. In Frankreich geht man spielerischer miteinander um, das kann schön sein, es ist einfach leichter.“
Sandrine Hutinet, Regisseurin, Karlsruhe.

„In Vandœuvre-lès-Nancy im Centre André Malraux wird seit Jahren in einem sehr komfortablen Kulturzentrum mit einem exzellenten Studio konsequent ein Programm mit freier experimenteller Musik gepflegt. Wenn man dort auftritt, hat man das Gefühl, hier stellt die Kulturpolitik Bedingungen für experimentelle Künste bereit, die in Deutschland eher klassischen Musikern vorbehalten sind. In diesem Zentrum wird etwas sehr Exotisches mit starker Ausstrahlung nach Außen betrieben. Ansonsten scheint es in Nancy eher ruhig zu zugehen.“
Johannes Frisch, Musiker.

„Ich komme gerne nach Deutschland. Die Aufmerksamkeit bei Lesungen überrascht mich immer wieder. Für unsere Generation sind die Kontakte selbstverständlich. Aber die Pioniere der Partnerschaften haben Außergewöhnliches geleistet. In Nancy fühle ich mich zu Hause. Alles, was ich bin, verdanke ich dieser Stadt.“
Philippe Claudel, Schriftsteller, dt.: Die grauen Seelen, Rowohlt.

„Karlsruhe bedeutet für mich vor allem zwei Dinge - Bahnhof und ZKM. Zwei Jahre bin ich von Nancy aus hin und her gependelt. Und dann kommt: Tram, Cafés zum draußen sitzen und Fahrrad-Fahren. Das gibt es so in Frankreich nicht. Karlsruhe hat nichts wirklich überraschendes. Alles ist in Ordnung und dann entdeckt man unglaubliche Dinge, Künstler, Musiker. Höfe... Es gibt eine alternative Kultur. In Nancy ist das anders. Ich mag Paris, aber noch mehr den Osten Frankreichs. Ich bin Lothringer. Das Zentrum Karlsruhes war für mich das ZKM. Das ist ein melting-pot mit einem außergewöhnlichen Team. Mit meiner jetzigen Arbeit knüpfe ich an meine Camera virtuosa im ZKM an.“
Bruno Cohen, Künstler, Regisseur, Filmemacher.

Susann Lütter zeichnete die Zitate auf.

Programm
Mit Ausstellungen, Konzerten und Begegnungen feiert Karlsruhe die Städtepartnerschaft mit Nancy.

Im Juni erreichen die Festivitäten in der „verlängerten“ französischen Woche“ vom 18. Juni bis 8. Juli einen Höhepunkt. Der Partnerschaftsnachwuchs, Schüler des Lycée Charles de Foucauld und der Friedrich-List Schule belichten mit ihrer Fotoausstellung im Regierungspräsidium die Partnerschaft.

In der Kunsthalle gibt sich der Hofmaler Jacques Bellange aus Nancy mit Radierungen die Ehre (18. Juni bis 10. Juli)

Bei der Gedok stellen die Fotografin Ingrid Bakker, Françoise Chamagne und Myriam Parisot-Librach vom 11. Juni bis 09.Juli aus. Françoise Chamagne zeigt totemartige Skulpturen, Parisot-Librach bringt Collagen und Rundbilder mit nach Karlsruhe.

„Vorurteile und Realitäten“ heißt das Ergebnis eines Workshops, das Teilnehmer aus Karlsruhe, Nancy und Lublin am 22. Juni im Studentenhaus der Universität szenisch vorstellen.

Vom 22. Juni bis 29. Juli sind Arbeiten des Zeichners Rémi MalinGrëy in der Stadtbibliothek zu sehen.

Auch das Centre Culturel Franco-Allemand stellt in seinen Räumen Künstler aus.

Dem französischen Lied geht Pierre-Alain Goualch am 24. Juni im Jazzclub am Kronenplatz mit seinem Trio auf ganz eigene Art auf den Grund.

Geballte Kost zur Kunst-Gewerbe- und Architekturgeschichte Nancys bieten die Fakultät für Architektur der Universität am 28. Juni, mit dem Thema Victor Prouvé und zuvor, am 22. Juni, Michèle Maubeuge im Ständehaussaal zur place Stanislas.

Wie ein großes Nachschlagewerk der Sprache, der Trésor de la Langue Française in Nancy digitalisiert wird, berichtet am 27. Juni Jean-Pierre Pierrel im CCFA.
Veranstaltungsprogramm Städtepartnerschaft in Karlsruhe und Nancy www.karlsruhe.de/nancy2005; www.ccf-ka.de
Programm der Stadt Nancy zum 250jährigen Jubiläum des Königsplatz www.nancy2005.com


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